PROF. Claudius Lazzeroni, Universität GESAMTHOCHSCHULE Essen

Talent – Handwerk – Initiative.

Claudius Lazzeroni, Professor für Interfacedesign an der Universität Essen, hat in zwölf Jahren hunderte von Mappen gesichtet. Sein Fazit: 70% der Mappen erfüllen die Anforderungen nicht. Die Gründe nannte Lazzeroni in einem Gespräch mit Mythos Mappe.

MYTHOS MAPPE
Sie sagen, ein Großteil der begutachteten
Mappen erreicht nicht das von Ihnen erwartete Niveau. Ein geradezu vernichtendes Urteil. Woran machen sie es fest?

Prof. Lazzeroni
Ein Grossteil der Mappen ist so schlecht, dass ich nicht an den Mythos der Mappe glaube. Gäbe es einen Mythos, ginge man anders damit um. Selbstdarstellung ist offenbar nicht jedermanns Sache.

MYTHOS MAPPE
Aber kann man wirklich sagen, dass 70% der Mappen Ausschuss sind?

Prof. Lazzeroni
Man muss zwischen der Mappe als Präsentationsform und ihrem Inhalt unterscheiden. Es gibt Mappen, da sind ganz tolle Sachen drin, aber die Präsentation ist so was von unter aller Sau, das ich mir sage: O.k., ich drücke beide Augen zu, weil ich die Arbeiten an sich so aussergewöhnlich finde. Nur – gerade wenn man sich für Kommunikationsdesign bewirbt, ist es mir vollkommen schleierhaft, dass man nicht einmal versucht, seine eigenen Arbeiten sinnvoll zu kommunizieren.

MYTHOS MAPPE
Haben Sie eine Erklärung dafür?

Prof. Lazzeroni
Schwierige Frage – ich denke, dass das Handwerk als Basis für gestalterisches Arbeiten in unserer Gesellschaft an Stellenwert verloren hat. Früher gab es zum Beispiel Schaufensterdekorateure. Das war ein richtiger Beruf und die haben gelernt, wie man mit Nädelchen, Schriften, Malerei und einem bestimmten Handwerk ein Schaufenster dekoriert. Das mag nicht jedem gefallen haben, aber es war ein Handwerk, das man ernst genommen hat. Selbst das Miederwarengeschäft um die Ecke hatte nette Kleidchen und Schürzen drin, mit Preisschildern, die sorgfältig beschrieben waren. Heute ist das die Ausnahme. Nur die großen Ketten haben ernsthafte Gestaltungsrichtlinien, ansonsten sieht man eher Mitarbeiterinnen hilflos auf Leuchtkartons herumkritzeln. Dieser visuelle Müll (vom auditiven ganz zu schweigen) färbt so ein bisschen ab. Das Selbstverständnis einer professionellen Gestaltung und die Sehnsucht nach Perfektion sind dadurch verloren gegangen. Unterm Strich: Es fehlt an Ernsthaftigkeit und Sorgfalt, übrigens auch im Lehrbetrieb. Und das spiegelt sich auch in den schlechten Mappen wider. Aspekte wie die richtige Dicke für Kartons, sauberes Aufziehen der Arbeiten, das sinnvolle Beschriften, ein Inhaltsverzeichnis beizulegen und dem Ganzen eine Dramaturgie zu verpassen, werden eher selten beachtet.

MYTHOS MAPPE
Mangelt es an Bewusstsein, an Berufung? Denkt mancher schlicht: Design, das ist was modernes, das ist Zeitgeist und darum bewerbe ich mich jetzt einfach?

Prof. Lazzeroni
Ja, ich glaube schon, dass viele Gestalter werden wollen, die nicht dazu berufen sind. Sie kommen frisch von der Schule, Kunstunterricht war irgendwie ganz nett und die anderen Fächer waren alle langweilig. Man hat gerne gemalt und fand das musische ansprechend. Vielen fehlt es auch an der richtigen Einschätzung eines solchen Studiums. Sie glauben, ein Designstudium sei grundsätzlich einfacher, weniger lernintensiv und netter als ein Studium der Geisteswissenschaften oder Sprachen. Was natürlich ein vollkommen falsches Bild ist, denn dieses Studium ist mit sehr viel Arbeit verbunden. Ohne das nötige Bewusstsein geht das nicht.

MYTHOS MAPPE
Mit welchem Gefühl oder mit welchem besonderen Bewusstsein gehen Sie die Begutachtung der Mappen an?

Prof. Lazzeroni
Es ist eigentlich lustig, weil man andauernd Pakete bekommt und ständig eröffnet sich ein neues Universum. Und ich meine, bei einigen Dingen, da schreit man ja förmlich auf. Es sind einfach viele Mappen dabei, da fragen sie sich wirklich, wer diesen Menschen die Sicherheit oder nur den Gedanken eingibt, an eine Design-Hochschule zu gehen.Ich frage mich dann immer, ob sich diese Studenten auch für Philosophie, Englisch oder Mathematik eingeschrieben hätten. Das wäre so, als hätte ich immer Schwächen in Mathe gehabt, kann überhaupt nicht mit Zahlen umgehen, also gerade so bis fünf zählen. Und trotzdem schreibe ich mich für Mathematik ein. Da scheint es dann auch an Selbsteinschätzung zu fehlen. Es bietet sich also an, im Vorfeld Informationen einzuholen, was es bedeutet, Kommunikationsdesign zu studieren.

MYTHOS MAPPE
Gibt es denn gute Quellen, aus denen man entnehmen kann, was es bedeutet, Kommunikationsdesign zu studieren?

Prof. Lazzeroni
Ja klar, es gibt in jeder Hochschule eine Studienberatung. Man kann in jeder Hochschule anrufen und fragen: Wo ist hier bitte die Beratung? Die gibt es für jedes Fach. Sie können dort auch einen konkreten Termin mit dem jeweiligen Professor machen, können vorbeischauen und sich so noch im Abitur steckend informieren, wohin sie sich bewegen möchten.

MYTHOS MAPPE
Wird das auch angenommen? Oder sagen Sie, es sollten viel mehr Leute diese Angebote wahrnehmen?

Prof. Lazzeroni
Sagen wir mal so, es würde natürlich vielen dienen, wenn sie sich beraten lassen würden. Es gibt aber auch Leute die x-Mal kommen, um immer wieder herauszufinden, was sie denn noch für ihre Mappe tun müssen. Da würde ich dann doch schon manchmal gerne sagen: Wenn du so oft kommen musst, um zu kapieren wo es lang geht, dann brauch ich dich auch nicht im Studium.

Vielleicht hilft auch die pure Neugier. Es gibt ja auch Bücher, wunderbare Bücher über Kommunikationsdesign. Da kann man ja mal reinschauen und vergleichen, wieviele Welten das von mir entfernt ist. Aber diesen sinnvollen Versuch der Selbsteinschätzung gibt es oft nicht.

MYTHOS MAPPE
Eine Möglichkeit sich zu informieren, sich abzusichern, könnte ja auch ein Mappenvorbereitungskurs sein. Manche sind dafür, andere dagegen. Was sagen Sie? Ist solch ein Kurs nützlich?

Prof. Lazzeroni
Nee, Finger davon, mal ehrlich. Ein Vorbereitungskurs täuscht in den meisten Fällen Kompetenzen vor, da es sich um erlernte Mechanismen handelt. Die eigentlichen Fähigkeiten bleiben im Verborgenen.

MYTHOS MAPPE
Sie befürworten also die selbständig erarbeitete Mappe und sagen, dass diese als Beurteilungskriterium ausreicht?

Prof. Lazzeroni
Ja, unbedingt. Ich kann ihnen garantieren, ich brauche nur zwei Minuten, um zu wissen, was los ist. Man erkennt oft schon in den Ansätzen, wo wirklich spannende Dinge passieren. Schwieriger wird es bei den Grenzfällen: Manche haben wunderbare Ideen, aber mit der Ausführung klappt es nicht. Ich hatte mal eine Mappe zu begutachten, die war ein wahres Feuerwerk an Ideen. Die Bewerberin hätte allerdings nie etwas gerade aufgezogen bekommen.

Das hat eine andere Qualität, die man in dem Moment herausfinden muss. Manche können sich dieses Missverhältnis dank ihrer Besonderheit leisten. Aber das sind absolute Ausnahmen.

MYTHOS MAPPE
Sind die Mitglieder des Gremiums in der Regel einer Meinung, wenn dann das Urteil über eine Mappe gefällt wird?

Prof. Lazzeroni
Da hat sicher jeder so seinen Bereich, Fotografie, Illustration, Neue Medien, etc.. Auch hier kann es passieren, dass die Zeichnungen zwar alle schlecht sind, das Gremium aber auf eine andere fachliche Qualität stößt. Am Ende gibt es ja immer noch die Aufnahmeprüfung und da trennt sich spätestens die Spreu vom Weizen.

MYTHOS MAPPE
Wenn Sie in so einer Auswahl eine Mappe gesehen haben und sagen: „Mensch, da steckt was drin“, ist es dann im weiteren auch so, dass der Student unter Ihren Händen förmlich explodiert?


Prof. Lazzeroni

Ja, es gibt aber auch viele, bei denen man anfangs skeptisch ist und die entwickeln sich dann doch ziemlich gut. Andere wiederum, die haben eine ganz tolle Mappe abgegeben und das war´s dann auch. Das sind die Blender, die sich darstellen können, aber im Endeffekt nicht viel Tiefe haben.

MYTHOS MAPPE
Also funktioniert die Mappe als Messinstrument nicht so genau?

Prof. Lazzeroni
Es fliegen auch Bewerber aus Schauspielschulen und werden später dennoch Filmstars, weil eine Rolle auf sie zugeschnitten ist. Das heisst noch lange nicht, dass sie damit gute Schauspieler sind. Ich denke, die Mappe dient der Einschätzung und führt in Verbindung mit dem näheren Kennenlernen durch eine Aufnahmeprüfung zu einem aussagekräftigen Gesamtbild.

MYTHOS MAPPE
Wie erholt sich jemand wie Sie eigentlich vom optischen Overkill?

Prof. Lazzeroni
Also im Alltag macht man es natürlich, indem man einfach für eine Stunde an die Decke glotzt. Meine grösste Erholung ist die Gartenarbeit. Beim Weinrebenschnitt gibt es keine Gestaltungs-fragen, da wird auf zwei Augen zurückgeschnitten. Mit dem Verständnis für die Pflanze, damit sie mir im Herbst viele Trauben schenkt.

MYTHOS MAPPE
Gibt es eine Empfehlung für die Aspiranten, die nicht angenommen worden sind?

Prof. Lazzeroni
Ja, noch einmal probieren.

MYTHOS MAPPE
Auch an der gleichen Schule?

Prof. Lazzeroni
Egal, man muss nur wissen, was man will. Man orientiert sich, probiert aus, verwirft und dann – dann weiss man es. Und wenn man sich sicher ist und wirklich will, dann kommt man auch rein. Einfach nochmal an der Mappe arbeiten, sie bis zum Wahnsinn irgendwie verbessern und dann wieder hinschicken. Den Professor fragen, woran man beim letzen Mal gescheitert ist und ihm deutlich machen: Ich will hier rein!

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